Philip-Lorca diCorcia, Brent Booth; 21 years old; Des Moines, Iowa; $30, 1990-92, © Philip-Lorca diCorcia; Courtesy Monika Sprüth, Philomene Magers, Köln, München, London / David Zwirner, New York.

Edward Hopper, Western Motel, 1957, Yale University Art Gallery, Bequest of Stephen Carlton Clark, B.A. 1903.

From a Western Motel, Edward Hopper's Influence on Contemporary Art

Edward Hopper, High Noon, 1949, The Dayton Art Institute, Gift of Mr. and Mrs. Anthony Haswell.

David Claerbout, Filmstill aus: Shadow Piece, 2005, © VBK, Wien, 2008; Courtesy David Claerbout / Hauser & Wirth Zürich London / Galerie Micheline Szwajcer, Antwerpen.

Edward Hopper, Night Shadows, 1921, Print Collection,, Miriam and Ira D. Wallach Division of Art, Prints and Photographs, The New York Public Library.

Tim Eitel, Matratze, 2008, © VBK, Wien, 2008; Courtesy Galerie EIGEN+ART Leipzig/Berlin / Pace Wildenstein; photo: Uwe Walter.

 

Kunsthalle Wien
Museumsplatz 1
+ 43-1-52189-33
Vienna
halle 1
Western Motel. Edward Hopper
und die zeitgenössische Kunst

October 3, 2008-February 14, 2009

"I think a lot about the interiors of big cities. I probably try to represent something universally valid."

— Edward Hopper (1882-1967)

Die Kunsthalle Wien setzt mit einem besonderen Ausstellungsakzent im Herbst 2008 den Höhepunkt des Jahres: „Mit Western Motel. Edward Hopper und die zeitgenössische Kunst werden wir“, so Direktor Gerald Matt „einen der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Kunst des 20. Jahrhunderts erstmals in Österreich zeigen“.

Western Motel, ein Paradebild aus Edward Hoppers reifem Werk, gibt der Ausstellung den Titel: Es zeigt das schlicht modern gestaltete Zimmer eines „Motor Hotels“ mit Blick durch weite Fenster, in dem sich nur eine weibliche Person aufhält. Aufrecht sitzt sie in ärmellosem Kleid am Rand des überzogenen Bettes, zwei Koffer stehen davor. Die Frau scheint auf jemanden zu warten, es passiert nichts, alles ist ruhig, und doch ist die Szene mit einer kaum erklärbaren Spannung aufgeladen.

Western Motel gilt seit seiner Entstehung (1957) als Sinnbild für das Lebensgefühl der US amerikanischen Gesellschaft zwischen Mobilität und Anonymität, Fortschrittsglaube und Melancholie der Einsamkeit — so wie Hoppers Werk insgesamt gerne als eine „Ikonographie“ des modernen Alltagslebens verstanden und verbreitet wird.

Die kaum beachteten und doch charakteristischen Dinge und Orte in der Großstadt und auf dem Land sind seine Sujets – Geschäftslokale, Büroräume, Häuser, Leuchttürme, Café und Kinointerieurs, Gleisanlagen, Eisenbahn coupées, Tankstellen, Hotelzimmer … Indem Hopper sie unmerklich auf ihre wesentlichen Erscheinungsformen reduziert und zugleich mit Licht und Schatten inszeniert, erhebt er sie aus ihrer Bedeutungslosigkeit zu jeweils kleinen Monumenten und Epiphanien der Alltagskultur.

Kaum einem Künstler des 20. Jahrhunderts ist es gelungen in der Malerei einen existenziellen bildnerischen Anspruch mit einer Ästhetik zu verbinden, die den Alltag, den Moment und eine Ikonographie des Ortes in einer derart poetischen Weise und Eindringlichkeit beschreibt. Ungeachtet der künstlerischen Moden seiner Zeit entwirft Hopper einen Metarealismus, der die subjektive Wahrnehmung der Wirklichkeit ins Universelle wendet, die Verlorenheit des modernen Stadtmenschen reflektiert und neue Wege des visuellen Erzählens beschreitet. Die Darstellung und Manipulation von Raum, Zeit, Licht und Schatten sind die zentralen Aspekte, die für Hoppers kontinuierliche Aktualität in der Kunst sorgen. Seine reduzierten, psychologisch motivierten und akribisch konstruierten Bildräume entwickeln eine bleibende Spannung zwischen Realem und Fiktivem, Moment und Dauer, Intimität und Anonymität, Natur und Zivilisation.

In den zeitgenössischen Positionen der Ausstellung Western Motel sind die Echos und Nachbilder von Edward Hoppers Kunst bis in die Gegenwart zu spüren. Künstler wie Jonas Dahlberg, Thomas Demand, Gustav Deutsch und Jeff Wall analysieren, (re )konstruieren und inszenieren Räume und Bühnen, untergraben subtil die Wahrnehmung des Betrachters und bilden systematisch einen differenzierenden Blick aus. Hoppers kühle Introspektionen finden ein zeitgenössisches Pendant in Rachel Whitereads reduzierten Rauminversionen: skulpturale, meist weiße Abdrücke aus Gummi, Kunststoff und Gips visualisieren die Leere in der Negativform. Die Geworfenheit des Subjekts wird in den Fotografien von Philip Lorca diCorcia und Tim Eitel zur wesentlichen Erfahrung. Vor dieser Darstellungsfolie nimmt Hoppers Personnage prototypische Züge an, seine Figuren erscheinen beziehungsarm und introvertiert.

Eine wesentliche Triebkraft von Edward Hoppers Kunst ist die Dialektik von Bewegung und Statik. Das Filmische ist zentral für die Arbeiten des großen Kinogängers. Viele seiner Werke funktionieren wie Film Stills. Essenziell ist eine „Verräumlichung von Zeit“, wie sie zum Beispiel auch Dawn Clements in ihren oft ausufernden Papierarbeiten thematisiert: Die Künstlerin übersetzt Filmsequenzen in Einzelbilder, die ineinander überfließen und zu meterlangen detailreichen Großzeichnungen werden. Edward Ruscha vermag in seiner frühen konzeptuellen Bucharbeit „Every Building on the Sunset Strip“ Eindrücke und zeitliche Abläufe zweidimensional festzuhalten, die am Betrachter schon längst vorübergezogen sind. Umgekehrt findet eine „Verzeitlichung von Raum“ in den filmischen Arbeiten von David Claerbout, Rachel Khedoori und Mark Lewis statt, die alle die Illusionsmaschinerie des Mainstream Kinos dekonstruieren, deren zeitliche und räumliche Werkzeuge offen legen. Ergänzt wird die Ausstellung durch Sequenzen aus verschiedenen Jim Jarmusch Filmen, die zentrale Themen der Ausstellung aufnehmen und in ihrer gleichzeitigen Banalität und Skurrilität den amerikanischen Way of Life undramatisch und in einer endzeitlichten Gelassenheit abbilden.

Teilnehmende KünstlerInnen: Edward Hopper und David Claerbout, Dawn Clements, Jonas Dahlberg, Thomas Demand, Gustav Deutsch, Philip Lorca diCorcia, Tim Eitel, Jim Jarmusch, Rachel Khedoori, Mark Lewis, Ed Ruscha, Markus Schinwald/Oleg Soulimenko, Jeff Wall, Rachel Whiteread

Kurator: Gerald Matt, Direktor Kunsthalle Wien.

Wissenschaftliche Mitarbeit: Carter Foster (Kurator, Whitney Museum of American Art, New York), Angela Stief (Kuratorin, Kunsthalle Wien), Ilse Lafer (kuratorische Assistenz, Kunsthalle Wien), Lucas Gehrmann (freier Kurator).

Thomas Demand, Fenster, 1998, © VBK, Wien, 2008; Courtesy Thomas Demand / Courtesy Monika Sprüth, Philomene Magers, Köln, München, London .